Emojis sind heute ein vielfältiges Kommunikationsmittel. Wir nutzen sie im Familien-Chat für Emotionen, auf Websites genauso selbstverständlich wie auf Social Media. Selbst auf offiziellen Profilen und im geschäftlichen Kontext sind Emojis heute kein Tabu mehr, sondern ein festes Mittel der Kommunikation.
Die gute Nachricht vorweg: Emojis sind grundsätzlich barrierefrei. Anders als bei Bildern muss niemand nachträglich einen Alternativtext ergänzen, das steckt technisch schon drin. Das gilt auch für Screenreader, also die Software, die Menschen mit Seheinschränkung Bildschirminhalte laut vorliest. Wie ein Emoji dort ankommt, hängt aber von einigen Dingen ab, die auf den ersten Blick nicht offensichtlich sind.
Vom Emoticon über den Smiley zum Emoji: eine kurze Geschichte
Die Geschichte der Emojis reicht bis zu den Emoticons und der ASCII-Art zurück. In den „frühen“ Zeiten, so ab den 80er-Jahren, drückten Menschen Gefühle mit Zeichenfolgen wie :-) aus. Das Problem an diesen Zeichen: Ein Screenreader gibt sie Zeichen für Zeichen wieder, also Doppelpunkt, Bindestrich und schließende Klammer. Von einem lächelnden Gesicht ist da nichts zu hören.
Als die Darstellung grafischer wurde, hielten Smileys in Form kleiner, meist gelber Grafiken Einzug. Der Vorteil: Je nach System ließen sich diese Grafiken mit einer Textalternative sinnvoll ergänzen, sodass zum Beispiel ein lachendes Gesicht auch als „lachendes Gesicht“ durch den Screenreader beschrieben wurde.
Der Standard: das Unicode-Emoji
Unicode ist der internationale Standard, der jedem Schriftzeichen, ob Buchstabe, Satzzeichen oder eben Emoji, eine feste, weltweit eindeutige Nummer zuweist. Nur dadurch können unterschiedliche Geräte und Betriebssysteme dieselben Zeichen überhaupt darstellen.
Ende der 1990er-Jahre entstanden erste kleine Grafiken für japanische Mobiltelefone. 2010 wurden sie schließlich in den Unicode-Standard aufgenommen. Auch durch die zunehmende Verbreitung von Smartphones begann so der weltweite Siegeszug der Emojis.
Heute legt das Unicode-Konsortium (öffnet in neuem Tab) den Standard fest. Hier werden Symbole regelmäßig ergänzt und angepasst. Wie ein Emoji am Ende aussieht, kann sich allerdings je nach Betriebssystem und Plattform unterscheiden, das eigentliche Zeichen bleibt gleich, das Bild dahinter nicht.
Emoji-Domains sind technisch möglich
Weil Emojis technisch gesehen ganz normale Unicode-Zeichen sind, sind theoretisch auch Domainnamen oder Dateipfade denkbar, die nur aus ihnen bestehen. 😂.de/😅 wäre also eine valide Adresse mit Dateipfad. Ob das sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt.
Emojis und Barrierefreiheit: grundsätzlich ja, aber…
Emojis sind grundsätzlich barrierefrei, weil es von Haus aus eine Textalternative gibt, die Screenreader für die Grafik ausgeben. Das passiert automatisch, hier muss niemand etwas anpassen. Die offiziellen Namen dafür legt das Unicode-Konsortium fest, nachzulesen in der offiziellen Emoji-Liste auf Englisch (öffnet in neuem Tab). Deutsche Betriebssysteme und Screenreader übersetzen diese Namen aber selbst, und schon dabei entstehen Unterschiede: mal kleine Abweichungen, mal größere.
Ein größeres Problem ist die Ausgabe selbst: Einige Emojis werden deutlich ausführlicher beschrieben, als man beim Tippen vermutet. Ein einzelnes Emoji zum Beispiel sagt VoiceOver auf dem Mac als „grinsendes Gesicht mit großen Augen“ an. Wer das Emoji nur setzt, weil einem gerade zum Grinsen zumute ist, bekommt schnell einen ganzen Satz Beschreibung statt eines kurzen Gefühlsausdrucks.
Was ein Screenreader bei Emojis vorliest
Die Demo zeigt 32 Emojis als Schaltflächen in einem Raster: zuerst Gesichter mit sehr unterschiedlichen Gefühlsausdrücken, dann Zeichen und Gegenstände wie Häkchen, Play-Symbol, Lupe, Laptop, Rad und Seehund, zuletzt zusammengesetzte Emojis wie Herz, Zifferntaste, Flaggen, eine winkende Hand mit Hautton und ein Paar mit Herz. Jede Schaltfläche gibt die Ansage dieses Emojis wieder und trägt sie ins Protokoll ein.
2,5× – so schnell hören viele erfahrene Screenreader-Nutzende
Web Speech API nicht verfügbar – Cursor läuft per Timer, Ansagen als Text sichtbar.
Angesagt
Was die Sprachausgabe aus dem gewählten Emoji macht.
Wählen Sie ein Emoji oder starten Sie das Vorlesen.
Noch komplizierter wird es bei zusammengesetzten Emojis. Viele neuere Emojis, etwa die Regenbogenflagge oder Berufs-Emojis wie die Programmiererin , bestehen technisch aus mehreren einzelnen Zeichen, die über ein unsichtbares Verbindungszeichen zu einem Bild verschmolzen werden: den Zero Width Joiner, kurz ZWJ. Fachlich heißen solche Kombinationen deshalb ZWJ-Sequenzen. Das Gleiche gilt für Emojis mit Hautton-Modifikator, etwa eine winkende Hand in einem bestimmten Hautton. Unterstützt ein System diese Kombination nicht, zerfällt sie in ihre Einzelteile: aus der Regenbogenflagge wird dann „weiße Flagge, Regenbogen“ statt einer erkennbaren Aussage, aus der winkenden Hand mit Hautton zwei getrennte Ansagen statt einer.
Nicht jedes neue Emoji ist zudem überall gleich schnell angekommen. Das Unicode-Konsortium nimmt jedes Jahr neue Zeichen auf, bis die passende Grafik auf jedem Betriebssystem sichtbar ist, vergeht oft mehr als ein Jahr. In der Zwischenzeit sehen sehende Nutzende auf älteren Systemen häufig nur ein leeres Kästchen, umgangssprachlich „Tofu“ genannt. Für Screenreader-Nutzende kann das Emoji in dieser Zeit komplett unsichtbar sein: Kennt das System das Zeichen noch nicht, hat es dafür oft auch keine Beschreibung.
Nicht jede Emoji-Kombination kommt überall gleich an
Zusammengesetzte Emojis, Hautton-Modifikatoren und ganz neue Emojis sind nicht auf jedem System gleich zuverlässig unterstützt. Für Aussagen, auf die es ankommt, lieber ein einfaches, etabliertes Emoji wählen statt eine neue oder komplexe Kombination.
Und Barrierefreiheit bei Emojis ist nicht nur ein Hörthema. Auch visuell kann es haken: Manche Emojis haben auf bestimmten Hintergründen einen schwachen Kontrast, gerade helle oder pastellfarbene wie ✨ oder ⭐. Besonders kritisch wird es, wenn Farbe die einzige Information ist, etwa bei 🔴🟡🟢 als Ampel-Ersatz für einen Status. Ohne zusätzliches Symbol oder Wort im Text ist das für Menschen mit Farbfehlsichtigkeit nicht zu unterscheiden. Für sie kann ein Emoji genauso zur Stolperfalle werden wie eine unklare Screenreader-Beschreibung, nur eben beim Hinsehen statt beim Zuhören.
Bewusster Einsatz: wie Emojis richtig sitzen
Es spricht grundsätzlich nichts gegen Emojis. Richtig eingesetzt gliedern sie Texte, machen sie übersichtlicher und heben wichtige Aussagen hervor, gerade auf Social Media.
Wichtig ist die Platzierung: Emojis gehören ans Satzende oder ans Ende eines Beitrags, nicht mitten in den Satz. Setzen Sie sie mitten im Satz, unterbricht das den Lesefluss beim Screenreader und die eigentliche Aussage geht unter.
Testen Sie das an unserem Beispiel-Emoji von eben: Lesen Sie „grinsendes Gesicht mit großen Augen“ jetzt drei Mal hintereinander laut. So klingt es, wenn das Emoji drei Mal in einem Beitrag steht.
Besonders in Namen oder Profilbeschreibungen können zu viele Emojis schnell anstrengend werden. Als Faustregel gilt: lieber ein, zwei bewusst gesetzte Emojis als eine ganze Reihe.
Emojis sind kein Problem. Wie wir sie einsetzen, mitunter schon.
Mehr Kontrolle auf der eigenen Website
Wer Emojis im eigenen Blog oder auf Landingpages einsetzt, hat mehr Möglichkeiten als in einer Instagram-Beschreibung. Hier hilft ARIA: ein Satz von HTML-Attributen, der Screenreadern zusätzliche Informationen liefert, die aus dem sichtbaren Markup allein nicht hervorgehen. Damit lässt sich steuern, was am Ende vorgelesen wird.
Mehrere Emojis lassen sich zu einer sinnvollen Beschreibung zusammenfassen:
<span role="img" aria-label="Drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen">
🙈🙉🙊
</span>Rein dekorative Emojis, die nichts zur Aussage beitragen, lassen sich vor Screenreadern verbergen:
<p>
Der Bericht ist fertig, das Ergebnis kann sich sehen lassen.
<span aria-hidden="true">✨</span>
</p>Zwei Dinge dazu: aria-label funktioniert auf einem <span> nur zusammen mit role="img", sonst ignorieren viele Screenreader das Label. Und ist aria-hidden="true" gesetzt, wirkt ein zusätzliches aria-label auf demselben Element nicht mehr. Vor dem Ausliefern einmal mit einem echten Screenreader gegentesten, manche Kombinationen aus Browser und Screenreader sagen Labels doppelt an.
Auf Social-Media-Plattformen wie Instagram, LinkedIn oder Mastodon haben Sie diese Kontrolle nicht. Das Emoji landet so im Text, wie es die Plattform ausliefert. Hier zählen nur die Dosierung und die Platzierung, wie oben beschrieben.
Einen Blick lohnt auch das CMS, Shopsystem oder Blog, mit dem Sie Ihre Inhalte pflegen. Viele Editoren erlauben in einzelnen Inhalten eigenes HTML, dann funktioniert der Trick von oben genauso wie auf einer handgecodeten Website. Erlaubt der Editor das nicht von Haus aus, lässt sich das oft nachrüsten, etwa über ein eigenes Modul oder eine kleine Anpassung durch die Entwicklung. Es lohnt sich, das einmal für die eigene Plattform zu prüfen.
Die Bedeutung ist nicht immer eindeutig und kann sich ändern
Ein Problem zeigt sich auf mehreren Ebenen: Die Bedeutung eines Emojis muss nicht immer klar sein.
Aus Nutzendensicht können Art und Anzahl der Emojis überfordern, etwa bei kognitiven Beeinträchtigungen. Das betrifft das einzelne Emoji genauso wie die Menge oder die beabsichtigte Aussage. Ist die Bedeutung eindeutig, oder lässt sie Raum für Interpretation?
Ein gutes Beispiel dafür sind unsere drei Affen von vorhin (🙈🙉🙊). Dahinter steckt eine alte, ursprünglich japanische Bildidee für bewusstes Wegschauen, „nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“. Wer diese Redewendung nicht kennt oder Sprache eher wörtlich liest, etwa Teile der autistischen Community oder Menschen mit Deutsch als Zweitsprache, sieht darin zunächst einfach drei Affen, die sich Augen, Ohren und Mund zuhalten. Die Screenreader-Beschreibung hilft hier auch nicht automatisch weiter: Sie sagt, was zu sehen ist, nicht was gemeint ist.
Im Alltag kommt oft noch eine Ebene dazu: Meistens taucht gar nicht das ganze Trio auf, sondern nur der einzelne 🙈, und zwar über die eigene Person, „Hab den Termin schon wieder vergessen 🙈“. Warum ausgerechnet ein Affe für die eigene Verlegenheit steht, erschließt sich nicht von selbst. Das ist reine Chat-Konvention, keine Ableitung aus dem Emoji, seiner Beschreibung oder der ursprünglichen Redewendung.
Ein noch aktuelleres Beispiel ist die dreieckige Signalflagge . In der Jugendsprache steht sie für ein „Red Flag“, ein Warnzeichen bei einer Person oder Situation. Der Screenreader sagt aber „dreieckige Fahne am Fahnenmast“ an, eine Beschreibung, die mit der gemeinten Warnung nichts zu tun hat. Anders als bei den drei Affen gibt es hier nicht mal eine gedankliche Brücke zwischen Beschreibung und Bedeutung.
Dazu kommt: Die Bedeutung eines Emojis kann sich mit der Zeit verändern, und mit ihr sogar die Darstellung. Ein gutes Beispiel ist die Corona-Pandemie. Was vorher kaum genutzt wurde, änderte über Nacht seine Bedeutung: Aus dem Symbol für Krankheit wurde das Zeichen für Infektionsschutz. Apple passte deshalb sogar den Gesichtsausdruck hinter dem Masken-Emoji an: Aus einem krank wirkenden wurde ein freundliches Gesicht, wie die Geschichte des Masken-Emojis (öffnet in neuem Tab) zeigt. Auch beim Spritzen-Emoji tat sich etwas: Aus den zwei roten Bluttropfen wurde eine helle, durchsichtige Flüssigkeit, aus dem Symbol für Blutabnahme eines für Impfung.
Emojis gerne nutzen, aber bewusst und in Maßen
Es spricht nichts gegen Emojis, wenn Sie sich an ein paar Grundregeln halten:
- Sparsam einsetzen, lieber einzelne Emojis als eine ganze Reihe
- Am Satzende oder Beitragsende platzieren, nicht mitten im Text
- In Namen und Profilbeschreibungen besonders zurückhaltend sein
- Vorher fragen: Ist die Bedeutung klar, oder kann sie missverstanden werden?
- Bei komplexen Emoji-Kombinationen lieber auf die einfache, robuste Variante setzen
- Farbe nie als einzige Information nutzen, und auf Kontrast zum Hintergrund achten
Bewusst eingesetzt, strukturieren Emojis vor allem Social-Media-Beiträge und machen sie lebendiger. Der Unterschied zwischen bewusst und wahllos entscheidet, ob das auch bei allen ankommt, die mitlesen oder mitlesen lassen.