„Nicht barrierefrei möglich.“ Diesen Satz liest man in Barrierefreiheitserklärungen häufig: bei Karten, bei Diagrammen, bei allem, was sich nicht auf Anhieb barrierefrei umsetzen lässt. Nur: Barrierefreiheit bedeutet nicht, dass alles barrierefrei sein muss. Es geht um die Alternative. Informationen und Funktionen müssen für alle erreichbar sein. Nicht jede Darstellungsform muss es sein.
Besonders dort, wo Inhalte oder Funktionen nicht vollständig barrierefrei zugänglich gemacht werden können, kommt die barrierefreie Alternative ins Spiel.
Bei digitalen Medien gibt es Dinge, die sich nicht per se barrierefrei darstellen lassen. Bilder, Videos oder Tonaufnahmen sind dafür ein gutes Beispiel. Wenn diese Medien inhaltstragend sind, ist es meist selbstverständlich, dass Sie eine Alternative bereitstellen, etwa über Alternativtexte oder zugängliche Untertitel.
Der Sinn dahinter ist klar und wird auch in der WCAG entsprechend ausgezeichnet: Es geht darum, eine Alternative zu einem Medieninhalt bereitzustellen. Je nach Inhalt kann das ein Transkript sein, oder der Inhalt wird bereits durch den umgebenden Text getragen.
Barrierefreie Alternative heißt nicht komplette Barrierefreiheit
Interessant wird es bei komplexen Darstellungen oder Diagrammen. Auch Karten sind oft nicht barrierefrei. Sie lassen sich durchaus so bauen, dass sie zugänglich sind. Das ist in der Regel aber ziemlich komplex und wird teilweise durch die verwendeten Bibliotheken sogar verhindert. Barrierefreiheit ist hier häufig nur über große Umbauten und Anpassungen möglich, wenn überhaupt.
Es kommt dann nicht selten vor, dass solche Elemente bleiben, wie sie sind: nicht barrierefrei. Besonders öffentliche Stellen, die in ihrer Barrierefreiheitserklärung bekannte Barrieren benennen müssen, argumentieren dabei oft ähnlich. Bei der Kartografie liest sich das zum Beispiel so:
Hier wird allerdings ein Punkt verkannt: Es geht nicht darum, Darstellungsformen oder Funktionen barrierefrei zu machen, bei denen das nicht oder nur schwer möglich ist. Vielmehr geht es darum, eine Alternative zu ermöglichen.
Was WCAG wirklich verlangt: Alternative statt Perfektion
Das geht auch aus der ersten Richtlinie der WCAG hervor: Nicht-Text-Inhalte müssen als Textalternative vorhanden sein, sodass sie Menschen in der Form zur Verfügung stehen, die sie benötigen, etwa zur Ausgabe per Sprachausgabe oder Braillezeile.
Bleiben wir beim Beispiel der Kartendarstellung, um das zu verdeutlichen: Auf einer Website werden Unternehmensstandorte auf einer Karte dargestellt. Kleine Marker markieren die Standorte, per Klick lassen sich weitere Informationen wie Anschrift, Öffnungszeiten oder Kontaktmöglichkeiten anzeigen.
Die Karte lässt sich zwar grob per Tastatur bedienen: Der Ausschnitt kann vergrößert, verkleinert und per Pfeiltasten verschoben werden. Je nach Endgerät lassen sich die Standorte aber mal mehr, mal weniger gut per Tastatur öffnen, sodass die Informationen über die reine Kartendarstellung nicht barrierefrei erreichbar sind.
Als Alternative können Sie aber alle Standortdaten, die durch die Karte aufbereitet dargestellt werden, zusätzlich in Textform anbieten. Über eine Tabelle lassen sich Beziehungen zwischen den Informationen direkt barrierefrei herstellen. Die Kartendarstellung kann als Barriere bestehen bleiben. Durch die zusätzliche Tabelle sind die Inhalte trotzdem barrierefrei zugänglich. Und das ist der Punkt, der zählt.
Je nach eigenem Anspruch lässt sich die Darstellung durch Such- und Sortiermöglichkeiten noch verbessern und der Zugriff vereinfachen. Wichtig ist dabei nur: Auch das muss barrierefrei möglich sein.
Was als Alternative taugt, hängt dabei immer vom jeweiligen Inhalt ab. Eine Karte mit Standorten braucht eine Datentabelle. Eine Infografik mit Zahlen braucht vielleicht nur die Zahlen im Fließtext. Ein Diagramm, das einen Trend zeigt, braucht vielleicht nur den einen Satz, der den Trend benennt. Die eine Textalternative gibt es nicht – nur die, die zum jeweiligen Inhalt passt.
Faustregel
Nicht jede Darstellungsform muss barrierefrei sein. Die Information dahinter muss es sein, notfalls über eine zusätzliche Alternative.
Der Nebeneffekt: Alternativen nützen allen
Es reicht bereits, die barrierefreie Alternative nur für Assistenzsysteme zugänglich zu machen. Oft ist die Bereitstellung kein großer zusätzlicher Aufwand, da die Daten meist schon in einer Datenbank oder anderweitig vorliegen und nur entsprechend aufbereitet ausgespielt werden müssen.
Die Alternative bietet Ihnen übrigens auch immer die Chance auf bessere Zugänglichkeit für alle, vor allem wenn Sie sie direkt anzeigen: Sie kann als Zusatz zur anderen Darstellungsform fungieren und sie unterstützen. Vielmehr geben Sie Ihren Nutzenden damit die Option, Informationen so zu erhalten, wie es für sie am besten passt. Nicht jeder Mensch liest Daten gerne aus Grafiken, Diagrammen oder Karten, unabhängig davon, ob jemand unmittelbar auf die Alternative angewiesen ist oder nicht.
Sie ist vor allem eins: eine Alternative, eine weitere Form. Schaden tut das nicht. Barrierefreiheit bedeutet nicht, dass alle Darstellungen und Funktionen barrierefrei sein müssen. Die Information dahinter darf nur nicht verloren gehen, notfalls über eine zusätzliche Alternative. Das zählt mehr, als zu sagen: „nicht barrierefrei möglich“ oder „zu komplex“.