Digitale Barrierefreiheit baut auf den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.2 (öffnet in neuem Tab) auf, konkret auf 86 Erfolgskriterien. Die WCAG sind nach einem mehrstufigen Muster aufgebaut: Die Erfolgskriterien lassen sich unabhängig voneinander nach Konformitätsstufe (A, AA oder AAA) und nach Prinzip einordnen. Die vier Prinzipien heißen Wahrnehmbar, Bedienbar, Verständlich und Robust, kurz POUR (Perceivable, Operable, Understandable, Robust).
Zusätzlich sind die Erfolgskriterien in 13 Richtlinien gruppiert. Für jedes einzelne Erfolgskriterium gibt es wiederum Techniken, die zeigen, wie es sich erfüllen lässt, oder eben nicht. Richtlinien, Techniken und die Konformitätsstufen sind ein eigenes Thema. Hier geht’s erstmal um die vier Grundprinzipien.
Prinzip 1: Wahrnehmbar – Perceivable
Kernfrage: Kann ich es erfassen?
Das Prinzip der Wahrnehmbarkeit besagt, dass alle Informationen für jede Person uneingeschränkt verfügbar sein müssen. Das betrifft vor allem Inhalte, die in Form von Grafiken, Bildern, Audio oder Video vermittelt werden. Sie müssen sich etwa über eine textliche Alternative oder eine Audiodeskription, also eine beschreibende Tonspur, wiedergeben lassen.
Weitere Anforderungen, die die Wahrnehmbarkeit betreffen, sind die korrekte technische Auszeichnung von Informationen und ihren Beziehungen zueinander, sensorische Eigenschaften, die nicht nur über Form, Position und Farbe vermittelt werden dürfen (zum Beispiel „das Symbol links neben dem Text“), sowie das Verhalten von Inhalten im Textfluss, bei der Skalierung, beim Textabstand oder bei Inhalten, die nur per Maus-Hover erscheinen.
Unterm Strich: Inhalte müssen immer erreichbar und wahrnehmbar sein, ohne dass sie verdeckt werden oder der Zusammenhang verloren geht.
Prinzip 2: Bedienbar – Operable
Kernfrage: Komme ich dran?
Das Prinzip der Bedienbarkeit besagt, dass Anwendungen und Websites jederzeit bedienbar sein müssen. Das umfasst zum Beispiel die problemlose Bedienung mit Tastatur, sodass alle Elemente erreichbar sind und der Fokus sichtbar bleibt, statt in einem Element gefangen zu sein.
Genauso wichtig: genug Zeit bei der Bedienung, die Möglichkeit, animierte Elemente anzuhalten oder zu pausieren, und dass man direkt zu Bereichen springen oder sie überspringen kann. Dazu zählt auch, dass Inhalte über mehrere Wege erreichbar sind, etwa per Navigation, Suche oder Übersichtsseite.
Für Eingabefelder gibt es eigene Anforderungen: die Beschriftung von Formularfeldern, ausreichend große Klick- und Touch-Flächen sowie Alternativen für Bewegungsgesten wie Ziehen (Dragging) oder Eingaben über die Bewegung des Endgeräts (Motion).
So wird sichergestellt, dass Anwendungen über mehrere Wege und vor allem auch mit assistiver Technik wie Screenreadern, Sprachsteuerung oder Spezialeingabegeräten bedienbar sind.
Prinzip 3: Verständlich – Understandable
Kernfrage: Weiß ich, was passiert?
Das Prinzip der Verständlichkeit besagt, dass alle Informationen und Elemente einer Anwendung verständlich sein müssen. Wichtig ist, dass Informationen auch ohne Fachkenntnis in verständlicher Sprache vorliegen. Außerdem müssen Navigationen konsistent und erwartbar sein, Eingabemöglichkeiten und Bedienelemente aussagekräftig beschriftet sein und bei der Eingabe wo nötig unterstützen.
So wird zum Beispiel die Sprache einer Seite im Code hinterlegt, und das Verhalten von Elementen ist vorhersehbar: Fokussieren oder Eingeben löst keine unerwartete Änderung am Seitenkontext aus.
Hilfestellungen sind konsistent platziert und immer als solche erkennbar. Bei Formularen helfen klare Beschriftungen bei der Eingabe, und Fehlermeldungen zeigen, wo ein Fehler liegt und wie er sich beheben lässt.
Prinzip 4: Robust
Kernfrage: Funktioniert es überall?
Das Prinzip der Robustheit sagt: Inhalte müssen so gebaut sein, dass sie zuverlässig funktionieren, egal mit welcher Technik man zugreift. Ob Desktop, Smartphone oder Screenreader, ob heutige oder künftige Software, der Zugriff muss klappen.
In der Praxis heißt das vor allem: sauberes, semantisches HTML. Wenn ein Button im Code auch wirklich ein <button> ist und nicht nur optisch wie einer aussieht, kann jede assistive Technik damit umgehen, ohne Zusatzaufwand. Wo natives HTML nicht reicht, etwa bei komplexeren Interface-Elementen, helfen Techniken wie ARIA nach: Sie sagen assistiver Technik wie Screenreadern, was ein Element ist, wie es heißt und in welchem Zustand es sich gerade befindet.
Dazu gehört auch, dass sich Änderungen im laufenden Betrieb ankündigen, etwa eine Fehlermeldung, die ohne Neuladen der Seite erscheint. Assistive Technik muss solche Statusänderungen mitbekommen und weitergeben können, sonst bleiben sie für einen Teil der Nutzer unsichtbar.
Mehr als eine Checkliste
Wahrnehmbar, bedienbar, verständlich, robust: Auf diesen vier Prinzipien bauen alle 86 Erfolgskriterien der WCAG auf. Aber POUR ist mehr als eine Checkliste zum Abhaken. Nicht jede gute Idee für mehr Zugänglichkeit steckt in einem geprüften Erfolgskriterium, manches ist einfach gute Praxis, ohne dass es sich formal testen lässt. Trotzdem lässt sich fast alles davon einem der vier Prinzipien zuordnen. Wer POUR im Kopf hat, denkt automatisch in die richtige Richtung, auch dort, wo die WCAG noch keine konkrete Antwort gibt.