Manche dieser Vorbehalte stammen aus echten Erfahrungen, etwa warum man sich das überhaupt antun sollte, wenn man nicht muss. Die meisten halten einem genaueren Blick aber nicht stand. Ich greife hier sieben Mythen auf, die mir in Projekten und Gesprächen immer wieder begegnen.

Das wird nicht der letzte Artikel zu dem Thema sein. Zu einigen Punkten, etwa zu Overlay-Tools, schreibe ich demnächst einen eigenen, ausführlicheren Artikel. Und auch danach werden mir sicher weitere Mythen über den Weg laufen, die einen eigenen Absatz verdienen.

Mythos 1: „Wir sind doch gar nicht verpflichtet“

Stimmt, nicht jedes Unternehmen fällt unter BFSG oder BITV. Wer nicht gesetzlich verpflichtet ist, muss seine Website oder App tatsächlich nicht barrierefrei anbieten. Trotzdem lohnt es sich, auch ohne Pflicht darüber nachzudenken.

Barrierefreiheit ist erstmal ein Qualitätskriterium. Sie kommt in der Regel auch bei Suchmaschinen gut an, weil sauberer, semantischer Code beidem zugutekommt. Viel wichtiger: Ihre Zielgruppe wird größer, und damit auch die Zahl der Menschen, die Ihre Website oder Ihren Shop überhaupt erst problemlos nutzen können. Wer mit Barrieren zu kämpfen hat, bricht den Kauf oder die Kontaktaufnahme einfach ab und geht zur Konkurrenz, die es einfacher macht. Eine zugängliche Seite gewinnt also nicht nur neue Nutzende, sie hält auch die, die Sie sonst stillschweigend verlieren würden. Und wenn Sie Mitarbeitende suchen, ist eine zugängliche Website ein direktes Signal an Bewerbende, dass Sie es mit Diversität und Inklusion ernst meinen, statt es nur zu behaupten.

Müssen Sie ohne Pflicht jedes einzelne WCAG-Kriterium erfüllen? Das ist eine Abwägungssache. Aber selbst Grundlegendes wie Tastaturbedienbarkeit oder ausreichende Kontraste sorgen für eine spürbar bessere Bedienung Ihrer Website. Am Ende profitieren Sie davon mehr, als dass es Sie etwas kostet.

Mythos 2: „Das macht das Projekt zu teuer“

Barrierefreiheit kann zusätzliche Kosten verursachen, durch mehr Anforderungen, zusätzliche Tests oder Inhalte, die eigens dafür erstellt werden müssen. Das ist erstmal richtig.

Zusätzliche Aufwände können dabei an verschiedenen Stellen entstehen, etwa wenn für einen Inhalt noch eine barrierefreie Alternative geschaffen werden muss. Die hält sich aber meist im Rahmen, und ist nicht selten ohnehin schon vorhanden, nur noch nicht eingebunden. Das ist nichts grundsätzlich anderes als der Aufwand, den man für gute SEO oder sauberes Marketing ohnehin einplant. Barrierefreiheit ist im Kern derselbe laufende Pflegeaufwand, nur mit einem anderen Ziel. Und wird sie gleich mitgedacht, statt als eigenes Extra-Thema behandelt zu werden, löst sich der Aufwand oft im normalen Arbeitsprozess auf: Ein ARIA-Label setzt man nebenbei, während man ohnehin am Markup sitzt. Für eine barrierefreie Kartenlösung sucht man eine bestehende Lösung, statt selbst eine völlig neue zu entwickeln. Im Unterschied zu manch anderem Mehraufwand im Projekt hat der hier auch noch einen echten, direkten Nutzen, und in der Regel ist er deutlich kleiner, als die meisten zunächst annehmen. Im Idealfall ist das ohnehin kein nachträglicher Posten, sondern Teil der Konzeption und Planung von Anfang an, mit eigenem Kostenfaktor, genau wie SEO, SEA, GEO oder was sonst noch dazugehört.

Wer unter das BFSG oder die BITV fällt, für den gehört Barrierefreiheit aber mittlerweile einfach zum Projekt dazu, wie Datenschutz oder die Impressumspflicht auch. Über die hat sich am Anfang auch jeder aufgeregt, heute sind sie selbstverständlicher Teil jedes Projekt-Scopes. Genauso wie inzwischen Suchmaschinenoptimierung oder die Optimierung für KI-Agenten als selbstverständlich gelten.

Tipp:

Früh mitdenken statt spät nachbessern

Wird Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht, lässt sich mit etablierten Standards meist schon eine solide Basis erreichen, die bei Bedarf erweitert wird. Die teuren Lösungen entstehen dann, wenn am Ende eines Projekts unter Zeitdruck nachgebessert werden muss.

Vor allem aber: Barrierefreiheit ist ein Qualitätskriterium, das Ihre Zielgruppe vergrößert. Und damit auch Ihre potenzielle Kaufkraft. Die Kosten stehen einem Nutzen gegenüber, den man bei dieser Rechnung gerne vergisst.

Mythos 3: „So viele Betroffene gibt es doch gar nicht“

Die Zielgruppe sei zu klein, um sich die Mühe zu machen. Das höre ich öfter, als mir lieb ist. Dabei sind wir alle von Barrieren betroffen, nur eben unterschiedlich stark und unterschiedlich oft.

Eine Brille ist im Grunde schon ein Hilfsmittel gegen eine Barriere. Ein spiegelndes Smartphone-Display kennt jeder, und von guten Kontrasten profitieren dabei genau dieselben Menschen wie jemand mit einer Sehbehinderung. Oder Einarmigkeit: Ob gebrochene Hand, amputierter Arm oder einfach eine Einkaufstüte in der Hand, alle profitieren gleichermaßen von Bedienkonzepten, die mit einer Hand funktionieren.

Wichtig dabei: Laut Statistischem Bundesamt sind nur etwa 3 % der schweren Behinderungen angeboren oder im ersten Lebensjahr entstanden. Der überwiegende Teil entsteht im Laufe des Lebens, vor allem im Alter. Bei einer alternden Bevölkerung wird die Zielgruppe also nicht kleiner, sondern größer. Aber selbst unabhängig davon gilt: Wir alle profitieren von Barrierefreiheit, weil uns Barrieren tagtäglich begegnen, mal mehr und mal weniger offensichtlich.

Mythos 4: „Unsere Zielgruppe kauft das eh nicht“

Die Annahme: Menschen mit Behinderung gehören nicht zur Zielgruppe und kaufen die Produkte sowieso nicht. Klassisches Beispiel: Blinde Menschen kaufen keinen Fernseher, weil sie ihn ja nicht nutzen können.

Stimmt so nicht. Über Audiodeskription bekommen blinde Menschen sehr wohl einen Eindruck vom Dargestellten. Und selbst wenn nicht: Vielleicht wird der Fernseher als Geschenk gesucht, oder jemand kauft für eine befreundete Person oder ein Familienmitglied ein. Oder es geht erstmal nur um eine Produktinformation.

Tatsächlich ist es sogar oft umgekehrt: Gerade Menschen mit Behinderung sind häufig besonders auf den Onlinekauf angewiesen und nutzen ihn dadurch sogar häufiger als die vergleichbare Zielgruppe ohne Beeinträchtigung.

Mythos 5: „Wir nutzen ein Tool, das macht uns barrierefrei“

Sogenannte Overlays treten in den letzten Jahren vermehrt in Erscheinung: kleine Skripte oder Browser-Erweiterungen, die nachträglich auf einer Website Anpassungen vornehmen sollen, etwa größere Schrift oder mehr Kontrast, ganz ohne Eingriff in den eigentlichen Code. Die Wirksamkeit ist unter Fachleuten allerdings höchst umstritten.

Hinweis:

Ein eigener Artikel folgt

Overlays machen eine Website nicht automatisch barrierefrei. Dazu gibt es inzwischen einiges an Forschung und auch erste rechtliche Einschätzungen. Das Thema ist komplex genug für einen eigenen Artikel, der hier in Kürze folgt.

Kurz gesagt: Es gibt verschiedene Anbieter und Lösungen, keine einheitlichen Standards. Einstellungen werden also nicht von Seite zu Seite übernommen, sondern müssten theoretisch auf jeder einzelnen Website neu vorgenommen werden.

Viel wichtiger ist es, eine Seite von Anfang an im Code so zu bauen, dass sie mit Hilfsmitteln wie Screenreadern, Spracheingabe oder den Barrierefreiheits-Einstellungen von Browser und Betriebssystem funktioniert. Eine Website muss zum Beispiel skalierbar sein, Animationen sollten sich deaktivieren lassen, Schriftart, Laufweite und Zeilenabstand sollten anpassbar sein. Sauberer, gut strukturierter Code bringt das in der Regel von Haus aus mit. Das sorgt dafür, dass die Barrierefreiheits-Einstellungen des Betriebssystems greifen und Hilfsprogramme die Informationen bekommen, die sie für eine problemlose Bedienung brauchen.

Dafür braucht es kein zusätzliches Tool. Das Betriebssystem bringt das bereits mit, und die Einstellungen gelten dann global für jede besuchte Website. Die Website muss nur im Code korrekt funktionieren und entsprechend vorbereitet sein.

Mythos 6: „Ich hab einen Lighthouse-Test gemacht, also sind wir barrierefrei“

Barrierefreiheit lässt sich nie vollständig automatisiert testen. Ein perfekter Lighthouse-Wert prüft nur sehr rudimentär und ist bei Weitem nicht so umfangreich wie ein automatisierter Test mit einem Fachwerkzeug wie axe-core. Es lassen sich sogar Websites bauen, die einen perfekten Lighthouse-Accessibility-Wert haben und gleichzeitig überhaupt nicht barrierefrei sind (öffnet in neuem Tab).

Hinweis:

Nur rund 30 % automatisch prüfbar

Automatisiert lassen sich nur etwa 30 % der WCAG-Kriterien für Websites überhaupt testen. Der Rest braucht eine manuelle, menschliche Prüfung. Tests können dabei auch falsche Ergebnisse liefern: Barrieren melden, die gar nicht existieren, und umgekehrt welche übersehen, die da sind.

Lighthouse liefert immer nur ein Indiz, ersetzt aber keinen fachlichen automatisierten Test und schon gar keine manuelle Prüfung durch Menschen.

Mythos 7: „Unser Design- und Markensystem gibt das nicht her“

Diesen Satz höre ich besonders oft, wenn ich über meine eigenen Probleme als Farbfehlsichtiger spreche: „Das sind nun mal unsere Markenfarben, die können wir nicht ändern.“ Das verlangt auch niemand. Es lohnt sich aber, sich mit dem eigenen Design- und Markensystem auseinanderzusetzen, besonders wenn es aus kontrastarmen oder „kritischen“ Farben besteht.

In der Regel besteht ein Designsystem aus mehreren Farben und Abstufungen, sodass sich ein ausreichendes Kontrastverhältnis fast immer finden lässt. Weißer Text auf rotem Grund etwa funktioniert deutlich besser als schwarzer oder grüner Text auf derselben Fläche. Die meisten Markensysteme geben das problemlos her, wenn man die vorhandene Farbskala bewusst und richtig einsetzt.

Dasselbe gilt für andere Design-Elemente wie Animationen: Die lassen sich so umsetzen, dass Menschen, denen sie Probleme bereiten, sie über die eigenen Betriebssystem-Einstellungen deaktivieren können.

Es geht bei Barrierefreiheit nicht darum, Dinge zu verbieten. Es geht darum, sie bewusst und korrekt umzusetzen. Damit sie wirklich von allen genutzt werden können.