Ein Jahr ist genug Zeit, um über erste Eindrücke hinauszukommen. Genug, um zu sehen, was sich wirklich verändert hat, und was nur angekündigt wurde. Zeit also für eine ehrliche Einordnung, aus der Perspektive von jemandem, der das Thema schon lange vor dem Gesetz auf dem Schirm hatte.
Lange vor dem Stichtag schon ein Thema
Das BFSG hatte ich früh auf dem Schirm. Noch bevor das Gesetz überhaupt in Deutschland erlassen wurde, kannte ich bereits den European Accessibility Act (EAA) und wusste: Hier passiert etwas, das auch den privaten Sektor in Sachen Barrierefreiheit verpflichtet.
Im Laufe der Jahre rückte das BFSG dann immer mehr in den öffentlichen Fokus, besonders im letzten Jahr vor dem Inkrafttreten im Juni 2025. Blogs, Artikel, Webinare, Podcasts, Veranstaltungen. Das Thema war überall.
Barrierefreiheit war damit nicht mehr nur ein Nischenthema für öffentliche Stellen, sondern hielt Einzug in die Leitartikel der Fachmedien. Viele zogen den Vergleich zur DSGVO, die bei ihrer Einführung ebenfalls viele überrumpelt hatte.
Auch privat habe ich das gemerkt: Ich bin Gründer und Vorstand eines Vereins, der sich für Menschen mit Farbfehlsichtigkeit einsetzt, auch das ein Thema aus dem Bereich Barrierefreiheit und Inklusion. Mehr Anfragen, mehr Backlinks, mehr Sichtbarkeit für das Thema insgesamt: Das BFSG hat spürbar Bewegung reingebracht, auch außerhalb der reinen Web-Branche.
Neue Akteure auf dem Markt – nicht alle mit guten Absichten
Was in dieser Zeit auffiel: Neben echten Fachleuten traten zunehmend auch neue Akteure auf den Plan, allen voran Anbieter sogenannter Overlay-Tools. Ihr Versprechen: Mit einem einzigen JavaScript-Schnipsel soll eine Website unkompliziert, schnell und einfach barrierefrei werden.
Innerhalb der Branche wird vor solchen Tools gewarnt. Die vorherrschende Meinung: Sie machen eine Website nicht barrierefrei, sondern können unter Umständen sogar zusätzliche Probleme verursachen.
Das aggressive Marketing der Anbieter, teils mit fadenscheinigen und schlicht falschen Argumenten, hat bei mir früh Bedenken geweckt: Dass Overlays eher das Gegenteil bewirken, aber von vielen, oft unbewusst, trotzdem als schnelle und gute Lösung wahrgenommen werden. Wie aggressiv diese Akquise teils läuft, zeigt sich auch an einer Mail, die ich selbst von einem Overlay-Anbieter bekommen habe.
Der Stichtag kommt – und es passiert erstmal wenig
Je näher der Stichtag rückte, desto mehr spürte man: Das Interesse war da. Aber ich hatte mehr erwartet. Vor allem, weil ich, und auch andere Expertinnen und Experten, immer wieder betont hatten, dass Barrierefreiheit Vorlaufzeit braucht. Ein bestehendes Projekt macht man nicht innerhalb weniger Tage barrierefrei, schon gar nicht so kurz vor dem Stichtag.
Stattdessen zeichnete sich ab: Viele Overlay-Anbieter versuchten noch schnell, ihr Produkt zu verkaufen, teils mit denselben falschen Versprechen wie zuvor. Viele Website-Betreibende warteten dagegen erstmal ab.
Das Gefühl am 28.06.2025 war eher ein Verpuffen als der spürbare Effekt, den ich mir erhofft hatte. Schon im Vorfeld zeichnete sich ab, woran es hapern würde: Kurz vor dem Stichtag wurde bekannt, dass längst nicht alle Bundesländer den nötigen Staatsvertrag ratifiziert hatten – die Marktüberwachungsbehörde würde zum Start also gar nicht arbeitsfähig sein.
Die Marktüberwachung fehlte – ausgerechnet zum Start
Der Grund dafür: Im Vorfeld war der, aus meiner Sicht sinnvolle, Entschluss gefasst worden, keine 16 einzelnen Marktüberwachungsstellen pro Bundesland einzurichten, sondern eine zentrale Stelle in Magdeburg: die Marktüberwachungsstelle der Länder für die Barrierefreiheit von Produkten und Dienstleistungen (MLBF). Doch ein solcher Staatsvertrag braucht die Zustimmung aller 16 Landesparlamente, und genau daran haperte es zum Stichtag noch.
Durch die Sommerpausen in den Landesparlamenten zog sich das bis in den September hinein: Erst am 26. September 2025 trat der Staatsvertrag tatsächlich in Kraft und die MLBF konnte formal gegründet werden. Erst dann konnten Stellen ausgeschrieben und die eigentliche Arbeit aufgenommen werden.
Zum Vergleich: In Österreich war die entsprechende Marktüberwachung bereits Monate vor dem Stichtag aktiv: Sie hatte aufgeklärt, informiert, vorbereitet. Aufgaben, die hierzulande teilweise die Bundesfachstelle Barrierefreiheit übernommen hat, obwohl das nicht durchgängig in ihrer Zuständigkeit lag.
Passend dazu: Die offizielle Website der MLBF (öffnet in neuem Tab) ist erst zum 1. Juni 2026 gestartet, fast ein Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes. Vorher war die Behörde nur als Unterseite der Landesverwaltung Sachsen-Anhalt zu finden, mit eingebundenem Accessibility-Overlay – ausgerechnet bei einer Stelle, die sich mit Barrierefreiheit beschäftigt. Der neue, eigenständige Auftritt ist also erstmal ein Fortschritt. Und trotzdem darf man ehrlich sagen: Optisch und in Sachen Best Practices hätte man von der Stelle, die genau das bei anderen kontrollieren soll, eigentlich mehr erwarten dürfen.
Mehr Sichtbarkeit, aber auch mehr fragwürdige Lösungen
Im Verlauf des Jahres hat das Thema mehr Aufmerksamkeit bekommen als vorher, keine Frage. Mehr hätte es trotzdem sein können. Was mich dabei beunruhigt: Gefühlt nimmt die Zahl der Overlays auf Websites eher zu statt ab. Vor dem Hintergrund, dass diese Lösungen in der Regel keine echte Barrierefreiheit schaffen und vor allem nicht nachhaltig sind, ist das eine Entwicklung, die mir Sorgen macht.
Auch die Zahl der Veranstaltungen und Fachbeiträge ist nach wie vor hoch, vielleicht nicht mehr ganz so hoch wie im Jahr vor dem BFSG, aber das Thema nimmt insgesamt mehr Raum ein. Das zeigt sich auch bei Agenturen und Fachleuten: Mehr Menschen setzen digitale Barrierefreiheit um und beraten dazu. Grundsätzlich eine gute Entwicklung. Nur lässt die Qualität vieler Beiträge und das fachliche Niveau in der Praxis häufig zu wünschen übrig.
Oft wird zwar betont, wie wichtig das Thema ist. Bei der tatsächlichen Umsetzung und dem Willen dazu sieht es in meiner Wahrnehmung aber noch dünn aus. Die Aufmerksamkeit wächst – das ist positiv. Nur die konsequente Umsetzung hinkt noch hinterher.
Keine Klagewelle – und das ist auch gut so
Positiv bewerte ich, dass eine große Klagewelle bisher ausgeblieben ist. Eine solche Welle wäre meiner Meinung nach kontraproduktiv gewesen und hätte am Ende eher den Menschen geschadet, die wirklich auf Barrierefreiheit angewiesen sind.
Dass die Marktüberwachung bis heute nicht wirklich voll arbeitsfähig ist, trägt sicher einen großen Teil dazu bei. Es hat vor allem die bestätigt, die im Vorfeld auf „Abwarten“ gesetzt hatten. Auch von Betroffenenverbänden und Betroffenen selbst gab es bislang vergleichsweise wenig Aktivität, etwa über die neuen rechtlichen Möglichkeiten, die das BFSG eröffnet.
Die Zukunft: Barrierefreiheit wird wichtiger und die Marktüberwachung läuft an
Dennoch sehe ich, dass digitale Barrierefreiheit in Zukunft wichtiger wird. Es bleibt spannend, wie sich der Markt und die Nutzung von Overlays entwickeln, vor allem sobald erste Entscheidungen und Aussagen von Marktüberwachung und gegebenenfalls Gerichten vorliegen.
Die Marktüberwachung befindet sich aktuell noch im Aufbau. Die MLBF hat aber jüngst in einer Mitteilung zum aktuellen Stand des Behördenaufbaus (öffnet in neuem Tab) bekannt gegeben, dass sie fast 700 Meldungen erhalten hat und auch proaktiv testen wird. Ein Ausruhen wird hier künftig nicht mehr möglich sein, die MLBF wird aktiver werden.
Was mich persönlich beschäftigt: Der Bedarf ist da, aber er ist zögerlicher als erhofft. Wer auf einen schnellen BFSG-Boom gesetzt hat, wartet noch. Viele Unternehmen beobachten erstmal, was die Marktüberwachung tut, bevor sie handeln. Das ist nachvollziehbar, zeigt aber auch: Das Gesetz allein verändert noch keine Kultur.
Barrierefreiheit ist kein Projekt, das man abhakt. Sie ist ein Qualitätsmerkmal, das Menschen hilft. Und davon profitieren am Ende alle.
Ich hoffe, dass sich das ändert. Nicht weil Strafen drohen, sondern weil das Thema es verdient, ernst genommen zu werden. Barrierefreiheit gewinnt an Bedeutung, das ist sicher. Und genau das zeigt: Es braucht Menschen, die sich wirklich damit auskennen, die sich laufend weiterbilden und offen bleiben für neue Entwicklungen: technisch, rechtlich und gesellschaftlich. Nicht Tools, die schnelle Lösungen versprechen. Nicht oberflächliches Halbwissen. Sondern echtes Fachwissen und echtes Interesse an der Sache.
Eines ist absehbar: Barrierefreiheit wird bei Agenturen, Unternehmen und öffentlichen Stellen eine immer größere Rolle spielen: als Qualitätskriterium, als Wettbewerbsfaktor und als gesellschaftliche Erwartung. Wer das jetzt ernst nimmt, ist besser aufgestellt als wer wartet, bis der Druck größer wird.