Die WCAG ruhen auf vier Grundprinzipien digitaler Barrierefreiheit: wahrnehmbar, bedienbar, verständlich, robust. Eine Ebene darunter stehen die 13 Richtlinien. Sie legen fest, welche Ziele beim Erstellen barrierefreier digitaler Inhalte verfolgt werden sollen.
Das klingt nach Technik, ist es aber nicht durchgehend. Wer Beiträge für Social Media schreibt, Videos veröffentlicht, Newsletter verschickt oder Texte im CMS pflegt, ist bei mehreren Richtlinien direkt gemeint. Deshalb geht es hier ohne Code und mit Beispielen aus dem Alltag.
Die 13 Richtlinien auf einen Blick
Die erste Ziffer verrät das Prinzip: 1 steht für wahrnehmbar, 2 für bedienbar, 3 für verständlich, 4 für robust. Die Namen führen zum jeweiligen Abschnitt.
| Nr. | Richtlinie | Worum es geht |
|---|---|---|
| 1.1 | Textalternativen | Bilder und andere Nicht-Text-Inhalte brauchen einen Text |
| 1.2 | Zeitbasierte Medien | Video und Audio brauchen Alternativen, etwa Untertitel |
| 1.3 | Anpassbar | Inhalte lassen sich anders darstellen, ohne etwas zu verlieren |
| 1.4 | Unterscheidbar | Inhalte sind gut zu sehen und zu hören |
| 2.1 | Per Tastatur zugänglich | Alles funktioniert ohne Maus |
| 2.2 | Ausreichend Zeit | Niemand wird durch Zeitdruck ausgebremst |
| 2.3 | Anfälle und physische Reaktionen | Nichts, was Anfälle oder Beschwerden auslösen kann |
| 2.4 | Navigierbar | Man findet sich zurecht und weiß, wo man ist |
| 2.5 | Eingabemodalitäten | Bedienung klappt auch mit Touch, Gesten und anderen Eingabewegen |
| 3.1 | Lesbar | Texte sind lesbar und verständlich |
| 3.2 | Vorhersehbar | Seiten verhalten sich so, wie man es erwartet |
| 3.3 | Hilfestellung bei der Eingabe | Fehler vermeiden und korrigieren |
| 4.1 | Kompatibel | Funktioniert mit heutiger und künftiger Technik |
Wie die Richtlinien auf Deutsch heißen
Die Namen stammen aus der deutschen Übersetzung der WCAG 2.1 (Aktion Mensch und outline (öffnet in neuem Tab)). In WCAG 2.2 heißen die 13 Richtlinien genauso. Andere Quellen verwenden teils eigene Namen: „Tastaturbedienbarkeit“ für „Per Tastatur zugänglich“, „Genug Zeit“ für „Ausreichend Zeit“, „Krampfanfälle“ für „Anfälle“ oder „Eingabeunterstützung“ für „Hilfestellung bei der Eingabe“. Gemeint ist jeweils dasselbe.
Was Richtlinien sind, und was nicht
Die Richtlinien sind die Ebene zwischen Prinzip und Prüfung. Das Prinzip sagt, worum es geht. Die Richtlinie nennt das Ziel dazu. Geprüft wird erst eine Ebene tiefer, bei den Erfolgskriterien.
Deshalb werden Richtlinien nicht einzeln getestet. Sie helfen, Barrierefreiheit zu verstehen und Anforderungen einzuordnen, und sie sagen noch nichts darüber, wie etwas technisch umgesetzt wird. Ob eine Seite WCAG-konform ist, entscheidet sich an den Erfolgskriterien und den Konformitätsstufen A, AA und AAA. Beides ist Thema im nächsten Teil der Serie. Wie die Ebenen zusammenhängen, steht im Aufbau der WCAG.
13 Richtlinien gibt es seit WCAG 2.1. WCAG 2.2 hat daran nichts geändert, dort kamen nur neue Erfolgskriterien dazu. In WCAG 2.0 waren es noch zwölf, die Richtlinie 2.5 kam erst mit 2.1 hinzu.
Wahrnehmbar: Richtlinien 1.1 bis 1.4
Hier geht es darum, dass Informationen bei den Menschen ankommen, egal über welchen Sinn und mit welchem Hilfsmittel.
1.1 Textalternativen
Im Original: Text Alternatives. Alles, was kein Text ist, braucht einen Text als Ersatz. Das gilt für Fotos, Grafiken, Icons und Diagramme. Nur so können assistive Technologien die Inhalte vorlesen, in Braille ausgeben oder in einer anderen Form aufbereiten.
Im Alltag heißt das: der Alternativtext am Produktfoto, die Beschreibung des Diagramms im Jahresbericht, das Bild im Social-Media-Beitrag.
1.2 Zeitbasierte Medien
Im Original: Time-based Media. Zeitbasiert ist alles, was abläuft: Videos, Audioaufnahmen, Livestreams, Podcasts. Wer nicht hören kann, braucht Untertitel. Wer nicht sehen kann, braucht eine Beschreibung dessen, was im Bild passiert (Audiodeskription). Bei reinem Audio hilft ein Transkript. Was das jeweils ist, steht im Artikel zu Audiodeskription und Transkript.
Im Alltag heißt das: das Reel mit Untertiteln, die Podcast-Folge mit Textfassung.
1.3 Anpassbar
Im Original: Adaptable. Inhalte sollen sich auf verschiedene Arten darstellen lassen, ohne dass Informationen oder Struktur verloren gehen. Das betrifft zum Beispiel die Darstellung auf verschiedenen Geräten und eine sinnvolle Reihenfolge. Überschriften sind echte Überschriften und keine groß formatierten Absätze (warum das mehr ist als Optik, steht in Semantik: Mehr als nur fett). Und Hinweise wie „Klicken Sie auf den runden Button rechts“ funktionieren nicht, wenn jemand Form und Position gar nicht wahrnimmt.
Im Alltag heißt das: Überschriften im CMS auch wirklich als Überschrift auszeichnen und Anleitungen nicht nur über Aussehen und Lage formulieren.
1.4 Unterscheidbar
Im Original: Distinguishable. Inhalte müssen gut zu sehen und zu hören sein, Vordergrund und Hintergrund klar getrennt. Dazu gehören ausreichende Kontraste, Text, der sich vergrößern lässt, und ein Layout, das bei starkem Zoom umbricht, statt zum Scrollen in zwei Richtungen zu zwingen (Umfluss, englisch Reflow). Farbe darf nie die einzige Information sein: Der rote Rahmen allein sagt nicht jedem, dass ein Feld falsch ausgefüllt ist.
Im Alltag heißt das: Das Sharepic mit hellgrauem Text auf weißem Grund fällt durch. Text im Bild ist ohnehin heikel, weil er sich nicht anpassen lässt.
Bedienbar: Richtlinien 2.1 bis 2.5
Hier geht es darum, dass sich alles bedienen lässt, auch ohne Maus und ohne Feinmotorik.
2.1 Per Tastatur zugänglich
Im Original: Keyboard Accessible. Alles, was mit der Maus geht, muss auch per Tastatur gehen. Das ist ein Grundpfeiler digitaler Barrierefreiheit, denn auf die Tastaturschnittstelle setzen auch Spracheingabe, Bildschirmtastaturen und andere Hilfsmittel auf. Dazu gehört, dass niemand in einer Tastaturfalle landet, also in einem Element, aus dem man per Tastatur nicht mehr herauskommt. Wie das im Detail aussieht, steht im Artikel zur Tastaturnavigation als Fundament digitaler Barrierefreiheit.
2.2 Ausreichend Zeit
Im Original: Enough Time. Nicht jeder liest, tippt und klickt im gleichen Tempo. Wenn eine Sitzung nach wenigen Minuten abläuft oder ein Karussell ohne Pause weiterrotiert, bleiben Menschen auf der Strecke. Zeitlimits müssen deshalb anpassbar sein, und alles, was sich automatisch bewegt, muss sich anhalten oder beenden lassen.
2.3 Anfälle und physische Reaktionen
Im Original: Seizures and Physical Reactions. Inhalte dürfen nicht so gestaltet sein, dass sie bekanntermaßen Anfälle oder physische Reaktionen auslösen. Gemeint ist vor allem schnelles Blitzen und Flackern, das bei Menschen mit Epilepsie Anfälle auslösen kann. Auch großflächige Bewegungseffekte können Schwindel und Übelkeit verursachen.
Im Alltag heißt das: Das GIF mit grellem Geflacker gehört nicht in den Beitrag.
2.4 Navigierbar
Im Original: Navigable. Menschen müssen Inhalte finden und jederzeit wissen, wo sie gerade sind. Dazu gehören aussagekräftige Seitentitel und Überschriften, eine logische Reihenfolge und Links, deren Text auch ohne Umfeld verständlich ist. Der Fokus muss immer sichtbar sein. Außerdem sollte es mehr als einen Weg zu einer Seite geben, etwa über Navigation und Suche.
Im Alltag heißt das: „Mehr erfahren“ und „Hier klicken“ als Linktext sind keine gute Idee.
2.5 Eingabemodalitäten
Im Original: Input Modalities. Nicht alle bedienen Inhalte mit Maus und Tastatur. Viele nutzen Touchscreen, Stift, Sprachsteuerung oder andere Eingabewege. Die Richtlinie verlangt, dass die Bedienung damit einfach möglich ist. Gesten, für die man mehrere Finger oder eine bestimmte Bahn braucht, brauchen eine einfache Alternative, und Schaltflächen müssen groß genug sein, um sie sicher zu treffen.
Verständlich: Richtlinien 3.1 bis 3.3
Hier geht es darum, dass Inhalte und Bedienung nachvollziehbar sind.
3.1 Lesbar
Im Original: Readable. Texte sollen lesbar und verständlich sein. Zum Pflichtprogramm gehört hier vor allem die Auszeichnung der Sprache: Die Sprache der Seite und fremdsprachige Stellen sind markiert, damit Screenreader richtig aussprechen. Was man in der Redaktion eher mit Lesbarkeit verbindet, ist in den WCAG dagegen nur Kür: Abkürzungen und ungewöhnliche Wörter erklären und bei anspruchsvollen Texten eine einfachere Fassung anbieten. Als Haltung lohnt es sich trotzdem, das mitzudenken.
Im Alltag ist das die Richtlinie, die der Textarbeit am nächsten liegt.
3.2 Vorhersehbar
Im Original: Predictable. Seiten sollen sich so verhalten, wie man es erwartet. Wenn ein Element den Fokus bekommt oder jemand etwas in ein Feld eingibt, darf nicht plötzlich die Seite wechseln oder ein Fenster aufgehen. Navigation und wiederkehrende Elemente sitzen auf jeder Seite am selben Platz und heißen überall gleich. Das gilt auch für Hilfe und Kontaktmöglichkeiten.
3.3 Hilfestellung bei der Eingabe
Im Original: Input Assistance. Besonders für Formulare relevant. Fehler müssen klar erkennbar und in Textform erklärt sein, Felder brauchen verständliche Beschriftungen, und bei Problemen gibt es Hilfe zur Korrektur. Bei Eingaben mit rechtlichen oder finanziellen Folgen, etwa Bestellungen oder Bankdaten, gelten strengere Regeln: prüfen, korrigieren oder rückgängig machen können.
Robust: Richtlinie 4.1
Robust ist wahrscheinlich der Begriff der vier Prinzipien, der die meisten Fragen aufwirft. Dazu gehört nur eine einzige Richtlinie, und die erklärt ihn griffiger.
4.1 Kompatibel
Im Original: Compatible. Inhalte sollen mit aktuellen und künftigen Browsern, Geräten und assistiven Technologien funktionieren. Technisch heißt das: Name, Rolle und Wert von Bedienelementen kommen sauber bei den Hilfsmitteln an, und Statusmeldungen wie „Artikel im Warenkorb“ werden angesagt, ohne dass der Fokus springt. Das ist die technischste der 13 Richtlinien, hier ist vor allem die Entwicklung gefragt.
Wer ist wofür zuständig?
Die Richtlinien lassen sich nicht sauber nach Abteilungen sortieren, aber eine grobe Tendenz gibt es. Redaktion und Social Media kümmern sich vor allem um Alt-Texte, Untertitel und verständliche Sprache. Im Design geht es um Kontraste und Farbe, in der Entwicklung um Tastaturbedienung und saubere Formulare. Fast überall arbeiten mehrere Rollen zusammen, und genau deshalb lohnt es sich, dass alle wissen, was gemeint ist.
Wer die Richtlinien kennt, versteht, worauf die WCAG hinauswollen. Prüfbar wird es aber erst eine Ebene tiefer. Im nächsten Teil der Serie schauen wir uns deshalb die Erfolgskriterien und die Konformitätsstufen an. Das ist die Ebene, auf der es am praktischsten wird.