Wer sich mit barrierefreien Inhalten beschäftigt, hört irgendwann Sätze wie „Wir wollen WCAG 2.2 AA erreichen“ oder „1.4.3 ist nicht erfüllt“. Dahinter stecken zwei Begriffe, die ständig fallen und selten erklärt werden: Erfolgskriterien und Konformitätsstufen. Letztere heißen oft auch Konformitätslevel, gemeint ist dasselbe.

Nachdem es in den ersten Teilen um die vier Prinzipien und die 13 Richtlinien ging, kommen wir jetzt zum Kernstück der WCAG. Auch dieser Teil kommt ohne Code aus. Er richtet sich an alle, die Inhalte erstellen, planen oder freigeben, nicht nur an die Entwicklung.

Was ein Erfolgskriterium ist

In den WCAG 2.2 (öffnet in neuem Tab) sind 86 Erfolgskriterien definiert. Sie legen fest, mit welchen konkreten Schritten die Prinzipien und Richtlinien erfüllt werden. Und nur sie lassen sich prüfen. Hier kennen die WCAG nur Schwarz oder Weiß: erfüllt oder nicht erfüllt, sofern das Kriterium anwendbar ist. Prüfbar heißt dabei nicht, dass ein Tool das allein erledigt: Automatisierte Tests finden nur einen Teil der Probleme.

Jedes Kriterium hat eine Nummer, die dem Aufbau der WCAG folgt. Aus 1.4.3 liest man: Prinzip 1, Richtlinie 1.4, dort das dritte Kriterium. Die Nummer verrät allerdings nicht, zu welcher Stufe ein Kriterium gehört. Das 1.4.10 (Umfluss) steht hinter dem AAA-Kriterium 1.4.9, ist selbst aber AA. Neue Kriterien wurden in den Versionen 2.1 und 2.2 hinten angehängt, damit sich bestehende Nummern nicht ändern. Die Reihenfolge innerhalb einer Richtlinie sagt also nichts über die Stufe.

Die drei Konformitätsstufen: A, AA und AAA

Müssen jetzt alle 86 Erfolgskriterien erfüllt werden? Nicht zwingend, und dafür gibt es die Konformitätsstufen. Jedes Kriterium gehört genau einer Stufe an:

Stufe Kriterien in WCAG 2.2 Kurz gesagt
A 31 Das Fundament. Fehlt hier etwas, sind bestimmte Gruppen oft ganz raus.
AA 24 weitere, mit A: 55 Die Stufe, die Gesetze und Normen verlangen.
AAA 31 weitere, mit A und AA: 86 Die höchste Stufe, nicht als pauschales Ziel für ganze Websites gedacht.

Die Stufen bauen aufeinander auf, und das ist der Punkt, der oft untergeht: AA heißt immer A plus AA. Wer AA erreichen will, muss die Kriterien aus beiden Stufen erfüllen, in den WCAG 2.2 also 55 von 86. Das ist gemeint, wenn jemand „AA“ sagt. Level A allein ist wirklich nur die Basis, die in jedem Fall erreicht werden sollte.

Konformität
Konform ist, wer die Erfolgskriterien erfüllt. Anders gesagt: Es gibt keinen Inhalt, der gegen ein Kriterium verstößt.
W3C, Understanding Conformance (sinngemäß)
Achtung:

Stufe ist nicht gleich Schweregrad

Die Stufen sind keine Prioritätenliste. Das W3C sagt selbst, dass die WCAG 2 nichts darüber festlegen, wie wichtig ein einzelnes Kriterium ist. Wie schwer ein Fehler wiegt, hängt davon ab, wie oft er vorkommt und welche Inhalte oder Funktionen er betrifft. Welche Stufe man anstrebt, ist im Kern eine Vorgabe, die jemand setzt: das Gesetz, ein Vertrag oder das Projekt. Mehr dazu in den Erläuterungen des W3C zu den Stufen (öffnet in neuem Tab).

Wie kommt ein Kriterium zu seiner Stufe?

Die Arbeitsgruppe beim W3C hat dafür mehrere Fragen abgewogen: Kann Hilfstechnik das Problem ausgleichen? Gibt es Umwege, wenn das Kriterium nicht erfüllt ist? Lässt es sich für alle Arten von Inhalten erfüllen? Reicht das nötige Wissen, das man laut W3C in etwa einer Woche Schulung lernen kann? Schränkt es Funktion oder Gestaltung stark ein? Und muss man bei der Prüfung viel interpretieren?

Kriterien, bei denen all das unkritisch ist, landen eher bei A. Kriterien, die sich nicht für jeden Inhalt erfüllen lassen, viel Interpretation brauchen oder Funktion und Design stark verändern würden, landen eher bei AAA. Deshalb rät das W3C davon ab, AAA pauschal für ganze Websites zu verlangen.

Welche Stufe wird verlangt?

In der Praxis ist es AA. Die europäische Norm EN 301 549, auf die sich das BFSG und die BITV 2.0 stützen, verlangt diese Stufe. Wer unter eines der beiden Gesetze fällt, hat damit ein klares Ziel: alle Kriterien aus A und AA. Wie die Kette von der WCAG über die Norm bis zum Gesetz aussieht, steht in „Welche Version gilt denn nun?“.

Ob die Stufe überall gleich hoch liegen muss, ist eine andere Frage. Wer bei einer Behörde keinen Termin für den Personalausweis buchen kann, hat ein anderes Problem als jemand, der sich nicht in einem Onlineforum anmelden kann. Beides ärgert, aber im ersten Fall hängt eine Leistung dran, die man braucht. Deshalb verlangt die BITV für Formulare und Bezahlvorgänge öffentlicher Stellen ausdrücklich, ein höchstmögliches Maß anzustreben. Dieser Gedanke lässt sich übertragen: Auch wer nicht unmittelbar unter BITV oder BFSG fällt, kann sich fragen, welche Stufe für welches Angebot erreicht werden sollte. Das hängt davon ab, wofür eine Funktion oder Anwendung gebraucht wird und was es bedeutet, wenn jemand sie nicht nutzen kann.

Wie die Stufen im Alltag aussehen

Ein paar Beispiele machen es greifbarer. Das ist eine Auswahl, keine vollständige Liste. Die WCAG sind für Webinhalte geschrieben, ihre Gedanken gelten aber auch für Beiträge auf Social-Media-Plattformen, soweit die Plattform es zulässt.

Stufe Kriterium Im Alltag
A 1.1.1 Nicht-Text-Inhalt Das Foto im Beitrag hat einen Alternativtext.
A 1.2.2 Untertitel (aufgezeichnet) Das Video hat Untertitel.
A 1.4.1 Benutzung von Farbe Ein Fehler im Formular ist nicht nur rot markiert.
AA 1.2.4 Untertitel (Live) Der Livestream hat Live-Untertitel.
AA 1.2.5 Audiodeskription (aufgezeichnet) Das Video hat eine Audiodeskription. Bei A reicht noch eine Textalternative.
AA 1.4.3 Kontrast (Minimum) Der Text im Sharepic hebt sich deutlich vom Hintergrund ab.
AAA 1.2.6 Gebärdensprache (aufgezeichnet) Das Video wird in Gebärdensprache übersetzt.
AAA 1.4.6 Kontrast (erhöht) Der Text hebt sich noch stärker ab.

Gleiches Thema, verschiedene Stufen

Ein Erfolgskriterium hat immer genau eine Stufe. Dadurch gibt es zu manchen Themen mehrere Kriterien, die dieselbe Sache unterschiedlich streng regeln. Am besten sieht man das beim Kontrast.

Kriterium 1.4.3, Kontrast (Minimum), ist AA und verlangt für normalen Text ein Kontrastverhältnis von mindestens 4,5:1. Das Kontrastverhältnis ist ein Zahlenwert zwischen 1:1 (kein Unterschied) und 21:1 (Schwarz auf Weiß). Kriterium 1.4.6, Kontrast (erhöht), ist AAA und verlangt für normalen Text 7:1.

Beide bringen Bedingungen und Ausnahmen mit. Großer Text darf mit „nur“ 3:1 auskommen, bei 1.4.6 mit 4,5:1. Als groß gilt Text ab 18 Punkt, fett ab 14 Punkt (grob 24 beziehungsweise 19 Pixel). Gar keine Anforderung gilt für Logos, reine Dekoration, nicht sichtbaren Text, Text in einem Foto mit viel anderem Bildinhalt und Text in inaktiven Bedienelementen, also solchen, die gerade nicht bedient werden können, etwa ein deaktivierter Button. Wichtig: Die Ausnahme betrifft nur wirklich inaktive Elemente. Ein ganz normaler Button muss die Anforderung erfüllen.

Das Muster gibt es bei vielen Themen. Wir gehen hier nicht alle 86 Kriterien durch, aber das Beispiel zeigt, wie man ein Kriterium liest: Anforderung, Ausnahmen, Stufe.

Wann ein Kriterium greift

Die Erfolgskriterien legen genau fest, wann, wo und wie sie gelten. Ein gutes Beispiel ist 3.3.4, Fehlervermeidung (rechtliche, finanzielle, Daten), Stufe AA. Schon der Titel verrät, worum es geht: um Vorgänge mit Folgen, etwa einen Vertragsabschluss, eine Zahlung, das Löschen gespeicherter Daten oder die Abgabe eines Tests. Es leuchtet ein, dass bei einer Überweisung, mit der schnell auch mehrere tausend Euro bewegt werden, andere Anforderungen an die Fehlervermeidung gelten sollten als bei einer einfachen Kontaktanfrage. Genau so ist das Kriterium gebaut: Das Kontaktformular derselben Bank fällt nicht darunter. Wie sich die Anforderungen konkret erfüllen lassen, etwa mit einer Übersicht zum Prüfen vor dem Absenden, schauen wir uns im nächsten Teil an.

Wenn ein Kriterium nicht anwendbar ist

Nicht jedes Kriterium trifft auf jede Seite zu. Eine Website ohne Audio und Video braucht keine Untertitel, kein Transkript und keine Alternativen dazu. Das Kriterium ist in solchen Fällen schlicht nicht anwendbar. Nach der Logik der WCAG gilt es damit als erfüllt, denn es gibt keinen Inhalt, der dagegen verstößt. Die Prüfmethodik des W3C, die WCAG-EM, nennt das Ergebnis dann Not present, also nicht vorhanden. In deutschen Prüfberichten liest man dafür meist „nicht anwendbar“.

Tipp:

Vorher genau hinschauen

Ein eingebettetes Video, ein Reel im Newsletter oder ein Podcast auf der Seite zählen als Medien. Erst wenn es wirklich nichts davon gibt, entfallen die Kriterien dazu.

Stufen gelten für ganze Seiten und ganze Abläufe

Eine Stufe lässt sich nicht für einzelne Bausteine erreichen. Konform ist immer die ganze Seite, einschließlich aller Darstellungen, die sie automatisch für andere Bildschirmgrößen ausliefert. Läuft ein Vorgang über mehrere Seiten, etwa der Bestellprozess in einem Shop, müssen alle Seiten dieses Vorgangs die Stufe erreichen. Ein perfekter Warenkorb hilft nichts, wenn die Zahlungsseite durchfällt. „AA bis auf die Kasse“ gibt es nicht.

Wo man Erfolgskriterien nachschlägt

Schauen wir in die WCAG 2.2 (öffnet in neuem Tab) selbst, erhalten wir eine sehr lange und ausführliche Liste, in der Anforderungen, Anwendungsfälle und Ausnahmen definiert sind. Es ist, so ehrlich muss man sein, ein Standard, und er liest sich auch so.

Hilfreicher ist die Schnellreferenz How to Meet WCAG (Quick Reference) (öffnet in neuem Tab), die es allerdings nur auf Englisch gibt. Besonders praktisch sind die Filter: Man kann einstellen, dass nur die Kriterien der Stufen A und AA erscheinen, und über die Tags nach Aufgabenbereich filtern, etwa Content Creation, Visual Design, Interaction Design oder Developing. Es gibt auch Themen-Tags wie Kontrast, Formulare oder Bilder. Über „Share this view“ lässt sich die gefilterte Ansicht als Link ans Team schicken. Zu jedem Kriterium können die Techniken und typischen Fehler eingeblendet werden, dazu kommt ein Link zur ausführlichen Erklärung.

Erfolgskriterien sagen, was geprüft wird, und die Stufen, wie weit man damit geht. Eine erfüllte Stufe ist trotzdem keine Garantie: Das W3C weist selbst darauf hin, dass auch AAA nicht für alle Menschen alles nutzbar macht, besonders bei kognitiven Einschränkungen und Lernschwierigkeiten. Deshalb empfiehlt es zusätzlich Tests mit Menschen mit Behinderung. Wie man ein Kriterium konkret erfüllt, zeigen die Techniken und Erläuterungen der WCAG. Darum geht es im nächsten Teil der Reihe.